“Diese zutiefst menschliche Stelle berührt mich jedes Mal stark.”

Herr Teutschbein, in ihrem ersten Passionskonzert mit der Kurrende erleben die Zuhörer die
Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Wann haben Sie sich entschieden, dass Sie dieses
Werk auf das Programm setzen wollen?
Das war im vergangenen Herbst, also noch vor gar nicht so langer Zeit. Mitte letzten Jahres habe ich
die musikalische Leitung der Kurrende übernommen. Ja, und nach ein paar Wochen wusste ich, mit
denen kriegst du das gut hin (lacht). Das machen wir!

Sie haben das Werk aber vermutlich mit ihren früheren Chören schon mehrfach gemacht, oder?
Das ist richtig, und jedes Mal mit einem Knabenchor, in Thüringen und in der Schweiz. Das fand ich
jeweils besonders beglückend, weil es mit Knaben gewissermaßen authentischer ist, da Bach diese
Werke ja jeweils für seinen Chor, die Thomaner geschrieben hat. Auch wenn wir natürlich nicht
wissen können, wie die Uraufführung 1724 tatsächlich geklungen hat – mit einem Knabenchor klingt
dieses Werk einfach anders, in gewissem Sinne echter, als mit einem großen Oratorienchor.

Was macht die Johannes-Passion für Sie besonders?
Als Zuhörer wird man gepackt, mitgenommen, und geht gewissermaßen abwechselnd durch heiß
und kalt. Ein besonderes Moment in der Johannespassion sind die Turbae-Chöre, welche das gegen
Jesu aufgehetzte Volk musikalisch genial dramatisch widerspiegeln. Dazu stehen kontrastierend
wundervolle Arien, die das Geschehen betrachten – und unglaublich tiefgründige Choräle, welche
Gelegenheit zur Selbstreflexion geben. Allein ein einziger Bachchoral mutet zunächst so schlicht an,
ist aber einzigartig und ein Kulturerbe unschätzbaren Ranges!

Heute ist uns die Johannes-Passion sehr wohlvertraut, für die Leipziger Gemeinde in 1724 war das
radikal neue Musik, die jede mögliche Vorstellungskraft überstieg. Spielt dieser Aspekt für Sie
während der Aufführung eine Rolle?
Natürlich können wir die Passion nicht mit gleichem Lebenshintergrund hören wie die Leipziger
seinerzeit. Allerdings versuche ich in der musikalischen Arbeit jeweils bewusst zu machen, warum
Bach dies oder jenes Stilmittel verwendet, welche zum Teil einen bewussten Bruch damaliger
Traditionen darstellen, um zum Beispiel Erschütterndes entsprechend musikalisch in Szene zu setzen.

Mit Dorothea Brandt, Thomas Laske oder Andreas Post haben Sie zudem eine ganze Reihe von
renommierten Solisten dabei, die dem Wuppertaler Publikum teilweise gut vertraut sind. Für Sie
sind das aber alles Erst-Begegnungen, oder?
Ja, dies sind Erstbegegnungen für mich. Von Dorothea Brandt und Thomas Laske habe ich hier in
Wuppertal schon viel Gutes gehört, so dass ich mich darauf sehr freue! Auch Andreas Post ist als
Evangelist sehr renommiert und hat die Johannes-Passion schon unter dem Dirigat meines Vaters
gesungen, da bin ich also auch sehr neugierig. Zudem haben wir mit Andra Isabel Wildgrube und
Johannes Wedeking zwei junge und sehr aufstrebende Solisten dabei, auf die das Publikum sehr
neugierig sein kann!

Mit dem Düsseldorfer Barockorchester konnten Sie auch ein Orchester gewinnen, das der
historischen Aufführungspraxis verpflichtet ist. Ist das ein Muss für Sie bei dieser Musik?
Das muss nicht immer für mich zwingend sein. Ich habe gerade in den vergangenen Monaten in der
Schweiz an einem Projekt gearbeitet, historisch informierte Klangsprache auf modernes
Instrumentarium zu bringen. Das war sehr spannend. Letztendlich gibt ein echtes Barockorchester
aber natürlich mehr farbliche Möglichkeiten, sodass ich bei diesem Werk schon historische
Instrumente bevorzuge. Insofern freue ich mich sehr auf diese Zusammenarbeit!

Gibt es ein musikalisches Zentrum in diesem Werk? Oder sollte man keinen einzelnen Stein aus
dieser Mauer herauslösen?
Es gibt verschiedene Theorien zum formalen Aufbau der Passion. Sie besteht aus zwei Teilen,
zwischen denen früher noch eine Predigt stattfand. Manche Deuter sehen in einem gewissen Choral
ein Zentrum, welches sich zu beiden Seiten ausbreitet. Ich denke aber nicht, dass der
Konzertbesucher dies so wahrnehmen wird.

Haben Sie persönlich eigentlich diesen einen, speziellen Lieblingsmoment, auf den Sie die Zuhörer
jetzt schon aufmerksam machen wollen? Der vielleicht ihr ganz persönliches Zentrum der
Johannes-Passion ist?
Es gibt gewaltige, erschütternde, und Momente großer Schönheit in diesem Werk. Da möchte ich
keine Abstufungen bringen. Unvergleichlich finde ich persönlich jedoch beispielsweise den Moment
im ersten Teil, da Petrus sich bewusst wird, dass er Jesus doch dreimal verleugnet hat. Dann heißt es
beim Evangelisten: “Und ging hinaus und weinte bitterlich.“ Diese zutiefst menschliche Stelle berührt
mich jedes Mal zutiefst.

Herr Teutschbein, herzlichen Dank für das Gespräch

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