Du möchtest singen? Dann sing mal was vor!

Vor wenigen Wochen lud die Kurrende zum zweijährlichen Ehemaligentreffen ein. Viele Altkurrendaner nutzten die Gelegenheit, sich mit alten Freunden auszutauschen, gemeinsame Erlebnisse aufleben zu lassen und Gleichgesinnte aus den unterschiedlichsten Generationen zu treffen. So auch der Wilfried Albrecht, der heute für uns gerne zurückblicken wollte und von seinem Leben als Kurrendaner zu Nachkriegsjahren berichtet.

 

Es war das Jahr 1947.

Die Kurrende befand sich wieder im Aufbau und war auf dem besten Wege. Man stellte sich die Frage, wie man an Nachwuchs käme und den Chor beständig aufbauen könne. Es wurden Traktate erstellt und an umliegende Schulen verteilt. Solch ein Traktat bekam meine Musiklehrerin in Ihre Hände. Ihr Augenmerk richtete sich auf mich, drückte mir das Traktat in die Hand und sagte: “Überleg mal, das ist was für dich – sicher hat sie gedacht, der hat so schön ‚Sah ein Knab ein Röslein steh´n‘   vorgesungen.” Nach Vorlage bei meinen Eltern und eingehender Diskussion erhielt ich die Zustimmung zur Vorstellung. Meine Musiklehrerin wurde informiert. Diese war hoch erfreut, dass ich Interesse zeigte. Die Spannung stieg.

Endlich war es soweit. Mutter und ich zogen los zur Calvinstraße in Wuppertal-Elberfeld. Es war ein kalter Wintertag und der Schnee lag umfangreich auf den Straßen. Als wir das Ziel erreichten, machte ich ein langes Gesicht. Trümmer war ich ja gewohnt, aber in einer langgezogenen flachen Holzbaracke singen, zumal im Hintergrund eine zerstörte Kirche und Häuser drohten? Wir betraten die Baracke. Die Tür war noch nicht ganz geöffnet, da schlug uns ein Hitzeschwall entgegen, dass uns fast das Atmen verging. Rechts neben uns stand ein Koksofen, der eine enorme Wärme ausstrahlte. Das musste er auch, wie ich später erfuhr. Vom Ofen zweigte ein langes Ofenrohr in die anderen Zimmer. Das waren die damaligen provisorischen Übungsräume. Die ganze Luft war von Kohlenduft durchzogen. Man würde heute sagen – katastrophal. Es wäre bestimmt nicht mehr erlaubt, zumal eine erforderliche Flucht nur am Ofen vorbei ging. Plötzlich stand ein stattlicher, kräftiger, schwitzender Mann mit einem Taschentuch in der Hand und im grauen Anzug mit Weste vor uns. “Ich bin der Chorleiter und heiße Erich vom Baur. Du möchtest singen? Dann sing mal was vor – was du möchtest!” Machte ich. “Kannst du auch die Tonleiter ‚do-re-mi-fa-so-la-ti-do‘?” Machte ich auch. Spontan zog er zwei Stühle zu sich heran mit der Bitte, mich zwischen diese zu legen. Mutter bekam große Augen. Was soll das denn werden, dachte sie. Ist das ein Zauberkünstler und will meinen Sohn schweben lassen? Er legte einige ziemlich schwere Bücher auf meinen Bauch und beobachtete meine Atmung. Weitere folgten im Stand, allerdings mit etwas leichteren Exemplaren auf dem Kopf. “In Ordnung,” war seine Endscheidung: „du kannst ab sofort mit uns singen, wenn du möchtest!“ „Zunächst einmal für vier Wochen. Hast du weiter Spaß, erfolgt eine Aufnahme in die Singschule“ sagte Erich vom Baur weiter. Seine Zeit war kurz bemessen, er verabschiedete sich, wir bedankten uns und ich ging mit geschwellter Brust vor Freude nach Hause.

In der nachfolgenden Woche erfolgte meine erste Chorprobe. Wir Neulinge stellten uns vor. Aufgrund meiner Stimmlage wurde ich dem Alt II zugeführt und erhielt meine ersten Noten. Das sah alles nicht so einfach aus. “Es wird schon werden” meinte Herr vom Baur, es sei schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nach etlichen Wochen der Proben, durfte ich als Singschüler an meinem ersten Konzert, dem Quempas-Singen teilnehmen. Aufgeregt hielt ich meine Kerze in Händen. Natürlich vielen einige Kerzenwachstropfen auf meine neue Hose. Ich zitterte am ganzen Körper. Nicht nur vor Anspannung, ob ich einen Ton herausbringen würde, sondern auch vor Kälte. Schließlich hatten wir Singschüler nur ein weißes Oberhemd an und die Kirchen waren Seinerzeit überwiegend nicht beheizt. Erfreulicherweise ging alles gut aus! ich fand meine Töne beim Einzug in das Kirchenschiff und bekam keine Erkältung, sehr zur Freude meiner Eltern. Meine Konzertreisen fielen der Zeit entsprechend noch bescheiden aus und beschränkten sich überwiegend auf den Oberbergischen Bereich. Nicht nur die Konzerte waren für mich eine Bereicherung, sondern auch das Singen in Krankenhäusern, Altenheimen und auf freien Plätzen in Wuppertal. Beeindruckend war für mich als junger Knabe das Singen in Krankenhäusern und Altenheimen, wie wir dort wohlwollend empfangen wurden. Die Unterbringung der Kranken und Pflegebedürftigen war nicht so respektabel wie heute, sondern sehr oft bedrückend. Das Personal der Einrichtungen musste das bemerkt haben. In den dortigen Küchen waren riesige Töpfe mit erfrischenden Getränken hergerichtet, die uns Sänger alle gut mundeten.

Um uns damals junge Sänger bei Laune zu halten, wurde akribisch ein Anwesenheitsbuch geführt. Für Teilnahme am Konzert  gab es fünfzig Pfennige, bei offenem Singen zwanzig Pfennige. Nach dem Ausscheiden aus dem Chor sollte die Gesamtsumme ausgezahlt werden. Das war natürlich ein zusätzlicher Anreiz. Während meiner Singzeit erkrankte der Gründer der Kurrende, Herr vom Baur, leider sehr oft. Herr Borchert aus dem Männerchor übernahm vorübergehend die Chorleitung. Es war eine unruhige Zeit. Ein Nachfolger für Herrn vom Baur wurde dann zeitnah endlich gefunden. Es war Herr Köhn, Kantor des Evangelischen-Kirchenkreises. In dieser Zeit stand auch der Umzug der Kurrende in den Neubau in die Deweerthstraße an. Dort konnte ich nur kurze Zeit verweilen, weil mich der Stimmbruch ereilte und mir damit den Ausstieg aus dem Chor bestimmte. Schule, Berufsausbildung und Beruf ermöglichten es mir nicht, später dem Chor wieder beizutreten. 

Auch heute noch verfolge ich die Entwicklung des Chores. Sofern es möglich ist, besuche ich die Konzerte der Kurrende. Besonders freut es mich, das die Ehemaligen nicht vergessen werden und die Möglichkeit haben, gelegentlich wieder mit ihrer Kurrende singen zu können. Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis dabei zu sein, auch wenn ich zur Zeit in zwei Chören aktiv mitwirke. 

 

Wilfried Albrecht
Kurrendaner von 1947 – 1954

 

 

 

 

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